Wer mich einigermaßen kennt, weiß, dass ich über die Jahre hinweg eine dem Fortschritt in der Regel äußerst feindliche Gesinnung entwickelt habe. Es wiegen die Nachteile, die die allermeisten Neuerungen mit sich brachten, einfach zu schwer, als dass ich darüber hinwegsehen und mich uneingeschränkt an den Resultaten menschlichen Erfindungsreichtums erfreuen könnte. Das fängt schon im Kleinen an, wo weltweit bekannte Internetzseiten alle paar Monate obsessiv an ihren Dienstleistungen rumwerkeln mit einem hässlichen und unpraktischen Hybrid aus verschiedenen unausgereiften Funktionen und optischen Gimmicks als Resultat, wie man zuletzt überdeutlich an bspw. Facebook und MySpace sehen konnte.
Dennoch: einzelne Entwicklungen sind durchaus zu begrüßen und so freut es mich, erstmals das auf dieser Seite sträflich vernachlässigte Sampler-Format einzuführen und das dann auch noch mit einem ebenfalls mehr oder weniger vernachlässigten Genre: Rapmusik.
Verdenken kann ich beider Dinge Gegner ihre Aversionen allerdings nicht, denn während Sampler oftmals überteuerte Sammlungen einzeln bereits erhältlicher Perlen einer Musikrichtung sind, die in dieser Zusammensetzung aus dem Kontext gerissen wirken, steht Rap in weiten Teilen der Öffentlichkeit immer noch für kiffende Schulversager in blamabler 5XL-Montur ohne auch nur einen Hauch von musikalischem Talent, die auf medienwirksame, aber jugendgefährdende Art von den lukullischen Genüssen desjenigen, der den American Dream lebt, „reden“, Gewalt- und Drogenverherrlichung, Misogynie, Grammatikvergewaltigung und derart inklusive. Was daran alles falsch ist, beweist dieses Schmuckstück aus dem Hause SpokenView.
Vorweg eines: ich werde nicht versuchen, den Leser mit jeder Menge Fachvokabular zu konfrontieren, wo ich dann hinterher noch mal oberlehrerhaft alles ausführlich erklären und veranschaulichen muss. Wenn es im Laufe der Review angebracht ist, werde ich mich vielleicht auch mal zu dem einen oder anderen technischen respektive szeneinternen Terminus verleitet sehen, doch meine Zielgruppe ist primär die unbedarfte Leserschaft, die mit Hip Hop und Rap nichts zu tun hat und deren Haltung dank hartnäckiger Vorurteile von Feindseligkeit geprägt ist – selbstverständlich sind aber auch erfahrene Hörer dazu eingeladen, sich auf diesem Wege eine weitere Meinung zu holen. Ich will keine Grenzen einreißen, nein, jede Musikrichtung hat ihre individuelle Berechtigung und Crossover ist in Ordnung, aber kein Zwang. Ich will auch nicht auf Teufel komm raus Konvertiten gewinnen. Es geht mir einzig und allein darum, Verständnis für diese vielseitige Szene zu schaffen und gleichzeitig aufzuzeigen, wie realitätsfern die übliche verallgemeinernde Kritik doch ist.
Obwohl der Name andeutet, dass es sich hierbei um einen einfachen Labelsampler handelt, wäre es doch richtiger, zu bemerken, dass auf dieser CD sowohl Künstler des besagten Labels als auch solche aus anderen Häusern mit exklusiven, bisher nach meinem Kenntnisstand nicht anderweitig veröffentlichten Beiträgen vertreten sind. Wovon man ausgehen kann, ist, dass es sich hierbei um befreundete Künstler handelt, die eben u. a. wegen der Diversität ihrer Musiken nicht auf einem einzigen Label zu finden sind, da einige Styles einfach miteinander inkompatibel sind, die einer gewissen Form der Zusammenarbeit mit befreundeten Interpreten allerdings nicht abgeneigt sind. Umrahmt von einem kurzen Intro sowie Outro der hauseigenen DJs Breaque und V.Raeter werden einem 18 Tracks präsentiert, Gesamtspielzeit nicht ganz 70 Minuten, die einen Teil von Rapdeutschlands untergrundiger Elite versammelt und noch ein paar weitere Namen, die zwar nicht ganz so verbreitet sind, die man sich aber durchaus merken könnte. Da ich mittelgroßen Wert auf Lesbarkeit lege, werde ich allerdings bloß auf eine Handvoll Lieder eingehen, soviel es auch zu erzählen geben mag.
Wenn man sich der allgemeinen Klasse dieser zusammengefassten Veranschaulichung neuerer Strömungen innerhalb der Rapmusik bewusst wird, sollten sich dem Hörer im Idealfall starke Zweifel an der (szeneinternen) These „Hip Hop is dead“ auftun, die eigentlich zu den Akten gelegt gehört, in Anbetracht immer wieder aufkommender musischer Peinlichkeiten und einer nicht direkt mit wohlwollendem Verständnis beäugten Außendarstellung einiger Charakterköpfe immer wieder die Aufmerksamkeit auf sich zieht. Fähigkeit zum Wandel ist ein unmissverständliches Zeichen für Lebendigkeit. Dieser Wandel zeigt sich am kompletten Sampler, im Speziellen möchte ich hier eingehen auf den genialen Amewu, der hier mit einem unbetitelten Stück vertreten ist. Der Mann ist ja unter dem Pseudonym Halbgott ohnehin schon ein paar Jahre dabei, betrachtet sich aber hauptsächlich als Live-MC, ist daher viel auf Deutschlands Bühnen unterwegs und hat erst 2009 sein offizielles Debütalbum veröffentlicht. Mit seiner grandiosen Raptechnik, seiner düsteren, markanten Stimme und intelligenten Texten hat er sich in der Zeit in Szenekreisen auch einen guten Namen gemacht. Metaphorisches Storytelling könnte man das wohl nennen, was er hier bringt. Nach meinem Verständnis geht es hier um den mentalen Niedergang des erzählenden Ichs, das „Einsicht“ sucht und auf diesem Wege immer mehr dem Wahn verfällt, alles vorgetragen in sehr lebendiger, bildhafter, aber eben auch indirekter Sprache. Der Vortrag ist ebenfalls einsame Spitze, Amewu klingt sehr resigniert, variiert Tempo, Stimmlage, Betonung und harmoniert überhaupt ideal mit dem düsteren Streicherbeat. Das funktioniert – natürlich mit einer vielfältigeren Themenwahl – auch auf Albumlänge, wie sein besagter Erstling „Entwicklungshilfe“ beweist.
Nennenswert auch: R.U.F.F.K.I.D.D. Mr. Infinite AKA, der Truckerfahrer in spe, der dir (metaphorisch gesprochen) die Rhymes in die Fresse hackt, bis du blutend auf dem Boden liegst, der seinem Namen alle Ehre macht und wirklich „real undaground flava for killaz in da dark“ bietet, zeigt sich hier von einer anderen Seite und schildert seinen Kampf auf dem provokant, aber passend betitelten „Mein Kampf“. Hier lässt er die Battle-Lyrics weitgehend fahren, richtet den Blick aufs Innere, reflektiert über das eigene Versagen, den proverbialen Schweinehund, Spott und Verrat und das Überleben in der feindseligen Welt. Das Bewundernswerte an Ruffkidd ist, dass er kein übergroßes Vokabular und keine Archive distinguiert anmutender Fremdwörter benötigt, um tatsächlich sinnvolle Reimketten zu basteln, die sich in seinem Falle manchmal sogar über 16 Zeilen erstrecken und meilenweit über Peinlichkeiten im Sinne von „Die Bombe, die tickt/wenn ich komm’, wird gefickt“ (na, wer kennt’s?) hinausgehen.
Rein instrumental dürfte für Außenstehende ein gewisser Markus Winter, besser bekannt als Maeckes, am interessantesten sein. Der erzählt auf „Absolute Anerkennung“, kurz gesagt, von seinem musikalischen und persönlichen Werdegang vom übermütigen Jugendlichen mit Träumen von Bekanntheit, Frauen und Geld über seine Zeiten als Rap-up-Komödiant im Duett mit Labelkollege Plan B hin zum jetzigen künstlerischen Standpunkt. Dass Maeckes in seiner Untergrundkarriere große Entwicklungen vollzogen und inzwischen einen Hang zu stark verkopften Texten entwickelt hat, dürfte seit dem kostenlosen MP3-Langspieler „null“ und dem 2010er Konzeptalbum „KIDS“ außer Frage stehen, ansonsten ist das aber bodenständig und nachvollziehbar vorgetragen. Der organische Beat, um auf das Eingangsthema zurückzukommen, ist, abzüglich des fehlenden Saxophons, stark jazzig angehaucht, dabei sehr entspannt und homogen, auch in Verbindung mit dem Text, und passt wunderbar ins Bild des Hip-Hop-Künstlers, als den man M.W. mittlerweile gut bezeichnen könnte.
Etwas aus der Rolle fällt Tufu, der hier mit „Dein Herz essen“ ein einzigartiges Stück Battle-Rap von altem Schrot und Korn abliefert. Kein „Isch fick’ deine Mutter“, sondern intelligentes Abwatschen von wack MCs, soll heißen, talentlosen Rappern – solchen, die bildlich gesprochen ihre Seele an den Teufel verkaufen und den Äther mit ihrer Wackness verpesten – mit einer gehörigen Portion Kreativität, Wortwitz und -schatz, wie es sich für Vertreter dieses Subgenres eben gehört. Mehr kann ich dazu nicht sagen, das muss jeder für sich selber hören. Wer mag, kann sich von ihm vorher oder hinterher noch die beiden kostenlosen VÖs „Die Symbolik des Mastschweins“ und „Seelenquantisierung“, letztere in Zusammenarbeit mit dem Saxophonisten Anthony Drawn, laden – der hat übrigens mit „some of there behind“ auch ein ganz wunderbares Instrumentalalbum voller Chillout-Ambient-Downtempo-Jazz-Wasauchimmer fürs selbe Geld am Start.
Gleich auf zwei Spuren zu finden ist Morlockk Dilemma, nach meiner Meinung einer der besten MCs des Landes, wenn man mal davon absieht, dass diese Bezeichnung auch auf andere hier vertretene Rapper zutrifft. Morlockk Dilemma AKA Barnabas Isegrimm AKA die Geister des Zorns AKA Pferdekutscher AKA Leipzig’s Finest, seines Zeichens romantischer Frauenverführer bzw. glatzköpfiger Hobby-Misanthrop, hat einen unfassbaren Wiedererkennungswert, was vor allem seiner hohen Stimme, mit der er rappt, und seinem abgehackten Stakkato-Flow geschuldet ist, was ihn leider für eine größere Masse untauglich macht, da man so gezwungen ist, genauestens hinzuhören, wenn man den Text verstehen will, und selbst dann noch Gefahr läuft, die Hälfte doch nicht mitzukriegen. Mir taugt das aber allemal. „The Good, the Bad & the Alki“, das der gleichnamigen Tour mit Mädness und Kamp als in Musik gefasste Überschrift diente, beschreibt, wie sollte es bei dieser Kombination anders sein, Szenarien aus dem Tourleben der drei Rapstars. Da aber keiner der drei sich selber bierernst nimmt und dafür einen gesunden Anteil Selbstironie besitzt, ist das Ganze inhaltlich so sympathisch absurd – und im Falle von Mädness auch noch herrlich trocken eingerappt –, dass der geneigte Hörer beruhigt schmunzeln, wenn nicht sogar lachen darf.
Der andere Track, diesmal solo, nennt sich „Schmetterlingseffekt“. Ein geschickt gewählter Titel, handelt es sich hierbei doch um eine Erzählung über Karlheinz Brandenburg und seine Erfindung, das Audioformat MP3 – ein Flügelschlag, der einen Wirbelsturm auslöste. Die Nummer hätte sich auch gut auf der 2009er Zusammenarbeit mit Hiob, „Apokalypse Jetzt“, befinden können, betrachtet man mal für sich den aufbegehrenden linksradikalen Unterton, der ständig mitschwingt. Dilemmas Sample-Beats sind sowieso großartig und hier würde mich mal interessieren, was er für diesen Track verwurstet (und natürlich komplett umstrukturiert) hat.
Was jedoch bei all dem Lob Erwähnung finden sollte: nicht alles an diesem Goldstück ist auch wirklich Gold. Ein gutes Beispiel dafür ist Tua mit „Komm da weg“. Dieses Lied wird seinen Fähigkeiten in meinen Augen nicht gerecht. Der Rap selber geht vollkommen in Ordnung, da ist der Mann ja auch sonst ein Guter, nur ist das Thema Frauen, die sich an Männer klammern, die ihnen nur schaden, in der Theorie gut gemeint, aber in der Praxis banal, öde, abgedroschen und hier auch nicht sonderlich gut präsentiert. Den Beat möchte ich aus Respekt vor dem Interpreten mit „gefällt mir überhaupt nicht“ umschreiben. Er ist im Prinzip ein guter, wenn auch manchmal einfallsloser Produzent, da kann ich mir kaum erklären, weshalb er auf einmal so übersteuerten Unfug bastelt und den auch noch mit nervigen Gitarren- und Vocal-Samples versieht. In solchen Momenten denke ich mir: „Sollte es eine tatsächlich existierende Fraktion geben, die den alten Tua von „Nacht“ zurückhaben wollen (gerne auch mit den heutigen produktionstechnischen Fertigkeiten), gehöre ich dazu.“ No front.
Oder „Pjöng Jang“ von Dexter, Maniac, Jacques Shure und Juke Macht Millionen. Der Track selber ist cool, das Problem ist Maniac, denn der könnte nämlich so viel besser sein, wenn er nicht auf Englisch rappen würde. Ich weiß nicht, woher die Leute, die behaupten, er würde wie ein native speaker klingen, ihre Englischkenntnisse haben, auf mich hört sich das einfach nur gestelzt an und ich kann den deutschen Akzent praktisch aus jeder Silbe raushören. An sich ist das bloß eine Frage des Geschmacks, ob man so etwas hören mag oder nicht, ich selber mag es nicht.
In Anbetracht des gelungenen Gesamtproduktes sind das allerdings nur Randerscheinungen, die ich bloß heranziehe, um zu betonen, dass vereinzelte Kleinigkeiten die Höchstwertung verbauen. Die absolute Mehrheit der Lieder ist richtig gut gemacht, es herrscht generell eine unglaubliche Klasse und Vielfalt, dass ich gut auf jeden einzelnen Song hätte eingehen können, was allerdings den Rahmen deutlich gesprengt hätte (Egomasturbation ist an sich nichts Schlechtes, aber irgendwer muss das hier ja auch lesen können). Im Rap geht es nicht darum, singen zu können oder Instrumente zu beherrschen, es geht einfach um das Spiel mit der Sprache, mit der eigenen Stimme, mit Rhythmen, mit Patterns, um Inhalte, lyrisches Können und erzählerische Fertigkeiten und die kreative Verbindung all dieser Dinge, musikalisch untermalt vom „pick of the litter“, von Versatzstücken aus verschiedensten Genres, wo sich der Produzent teilweise aus den obskursten Platten die Rosinen rauspickt, um dafür eine originelle Verwendung zu finden. Was die Generation Aggro Berlin und amerikanische Medienhuren neuerer Zeit daraus gemacht haben, ist eine andere Frage, aber auch diese Ansätze hat(te)n insofern ihre Berechtigung, dass ihre Protagonisten – jedenfalls einige von ihnen – mit einer Attitüde zu glänzen wussten, die hierzulande bisher unerhört war, die der rebellischen Jugend ein Ausdrucksmittel bot, die aber trotzdem noch leicht zu konsumieren war – und vor allem nahbar, ein Punkt, den Rapmusik aus meiner Sicht hauptsächlich instrumentalen Genres voraushat. Dem skeptischen Leser, der sich das alles durchgelesen hat, wünsche ich jedenfalls eine Erkenntnis: man muss dieses Genre nicht mögen, aber man muss es auch nicht verachten.