15.02.2010Juli Zeh – Adler und Engel von LeNico

Kate Moss und der Musikantenstadl wären neidisch auf die Koksvorräte des Protagonisten Max, die ihm die Autorin Juli Zeh in ihrem Roman „Adler und Engel“ regelmäßig zwischen die Nasenflügel schiebt. Denn um sich Maxens Verbrauch des synthetischen Heitermachers leisten zu können müsste Otto Normalkokser schon im Lotto gewonnen haben.

Max jedoch schwimmt regelrecht im Geld, schließlich war in seinem früheren Leben Jurist auf höchster Ebene und arbeitete maßgeblich an der Osterweiterung der Europäischen Union mit. Dabei ist Max nicht der Einzige koksende Jurist, schlimmer noch: Laut seinem Vorgesetzten Rufus seien Drogen ein alter Hut in dieser Berufsgruppe. Aber wer sollte sich damit besser auskennen, als Autorin Juli Zeh, die studierte Juristin ist?
Max war allerdings schon zu Internatszeiten im Drogengeschäft drin. Zusammen mit seinem Freund Shershah, einem wohl gebräunten Wonneproppen, fuhr er Drogentransportrouten in Südeuropa. Natürlich für niemand geringeres als den Drogenbaron Herbert. Dieser wiederum ist Vater von Jessie, der Freundin von Shershah, auf die auch Max heimlich abfährt. Um das Klischee der Dealertochter vollständig zu erfüllen vertickt Jessie schon mit 13 Jahren den Stoff im Internat, natürlich alles für die Familienkasse.
Doch mit Beginn des Jurastudiums von Max verflüchtigt sich die Freundschaft, bis er sich in jener ordinär erscheinenden Anwaltskanzlei des Amerikaners Rufus wieder findet. Als jedoch Jessie in sein Leben platzt und bei ihm Hilfe sucht werden die Traditionen seines Jugendlebens wiederbelebt und er beginnt sich die Nase kaputt zu koksen. Bis Jessie sich, während eines Telefonats mit Max, die verbleibenden Hirnzellen aus ihrem Hirn regelrecht pulverisiert.
Hier beginnt die eigentliche Story von „Adler und Engel“. In seiner Verzweiflung wendet sich Max nämlich an die Radiomoderatin Clara, die gebrochenen Seelen ein Ohr bietet. Schnell lässt sie sich auf ihn ein und Max gewinnt ein neues Ohr, das ihm zuhört. Sie gewinnt eine Studie für ihr Psychologiestudium. Der ganze Rest vom Buch handelt im Grunde davon, dass Clara mit vollem freiem Oberkörpereinsatz Max seine Geschichte aus der Nase zieht, die er schmatzend, rauchend oder manchmal auch ganz normal auf einen Recorder spricht. Letzterer hingegen zählt die Tage, bis er endlich verreckt. Der ganze Rest vom Buch? Nein, ein kleines Dorf leistet noch immer Widerstand denn im Verlaufe des Buches wird ganz nebenbei einer der größten politischen Skandale in der Geschichte der Europäischen Union aufgedeckt, bei der auch Max mehr drinsteckt, als er selber dachte.
 

Das mag alles unglaubwürdig klingen, was Juli Zeh so auf ihren 400 Seiten erzählt. Sicherlich erschließt sich auch nicht jedem der Sinn oder die Realitätsbezogenheit des Buches. Aber es war bestimmt nicht das Ziel der Autorin einen realitätsechten Krimi herzugeben. Die besten Filme und meistverkauften Bücher stecken schließlich ebenfalls voller Logiklücken. Das fängt bei der Bibel an und hört beim unrealistischen Mittelerde auf.
Dagegen serviert Juli Zeh einen äußerst lustigen und interessant zu lesenden Roman, hinter dem sich viel mehr als die Drogensucht des Max versteckt. Überspitzt und satirisch macht sie zum Beispiel auf die Missverhältnisse in der Politik aufmerksam. Arbeiten unsere EU Politiker, allen voran Fremdsprachler Oettinger, zwar nicht an Drogenrouten durch Osteuropa, so wird dennoch in der Branche genug geschmiert, dass es zum Himmel stinkt. Im Buch verschaffen sich Drogendealer durch Geld und Freundschaft Vorteile in der Politik, in der Realität läuft es über Parteispenden und endet bei ökonomisch schwachsinnigen Mehrwertsteuersenkungen für Klientelgruppen.
Wer in der Realität die Augen vor solcher Korruption verschließt, für den wird sich dieser Roman zu Recht wie Science-Fiction lesen.
Auch, dass Clara, Jessie, Max und wie sie alle heißen nicht als Normalos dargestellt werden und als völlig beziehungsunfähig rüberkommen hat einen tieferen Gedanken. Damit macht sich Zeh nicht über fehlendes Empathievermögen der Charakter lustig, sondern zeigt auf wo sich unsere Gesellschaft hinentwickelt. In Dörfern oder vermeintlich rückschrittlichen Ländern herrscht nämlich schon jetzt ein anderes Gesellschaftsempfinden vor, als in den heutigen Metropolen der Industrieländer. Viele Menschen, wenig Kontakte, schließlich gibt es den Blackberry oder das iPhone, über den sich soziale Interaktionen abspielen. Wem das nicht reicht kann sich auf der englischen Social Community namens Facebook „Farmville-Geschenke“ schicken. Das Leben wird nun mal englisch, das hat auch Oettinger erkannt.
Auch Juli Zehs derber Sprachausdruck spiegelt in gewisser Weiße die Gesellschaft wider. Schließlich sprechen noch nicht einmal Politiker jenes Deutsch, in dem Goethe und Schiller ihre Werke verfasst haben. Sofern denn jemals im Alltag solche Satzkonstrukte wirklich benutzt wurden. Das Ergebnis ist ein Schreibstil, der vor „Scheiße“ und „Kacke“ nur so dampft, dass man damit eine Kleinstadt über ein Biomassekraftwerk versorgen könnte. Sicherlich ist es an der einen oder anderen Stelle des Unterhaltungswerts wegen überzogen, jedoch behaupte ich, dass Kraftausdrücke zum deutschen Alltag mittlerweile leider genauso gehören wie Auto fahren (ebenfalls leider) oder Bier trinken.
Die Sprache in diesem Roman lebt wie die Gesellschaft, so sieht zum Beispiel Max Shampoos als „Skyline von Kosmetikartikeln“. Dies macht das Buch leicht zu lesen, es wirkt keinen Moment vom Leser distanziert.

„Adler und Engel“ ist also nicht nur ein manchmal unrealistischer, aber dennoch spannender Thriller, sondern verpackt auch mit viel Witz Gedanken, die zum Weiterdenken anregen. Der erfrischende Schreibstil von Juli Zeh schafft ein Buch, das sich nie selbst zu ernst nimmt, ohne ins Lächerliche abzudriften. Wer nichts mehr zu lesen hat, sollte dieses Buch zumindest einmal anlesen.
Juli Zeh: “Adler und Engel”. Roman. btb Verlag. 445 Seiten.

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