Dieses Album ist wahrlich ein Albtraum, jedoch nicht im negativen Sinne.
Falls irgendjemand auf die Idee kommen sollte, sich vor dem Lesen dieses Reviews etwas von dieser Platte anzuhören, wird er vermutlich entsetzt sein und sich folgende Frage stellen: “Seit wann hört der Dago sowas?”
Diese Frage ist leicht zu beantworten. Ich besaß bereits die “Auferstehung” von Janus und sah zufällig, dass mein bremer Lieblingsplattenladen noch ein Exemplar dieses A5-Digibooks hatte. Da sowieso gerade Aktionstage waren und ich somit statt 19,99 nur 15,99 bezahlen musste, war es beschlossene Sache. Zuhause legte ich die CD ein, hörte sie an, befand sie als recht gut und stellte sie erstmal ins Regal. Danach hörte ich sie sicher ein paar Monate nur noch sporadisch, z.B. nach dem Genuss von “Auferstehung”. Irgendwann, genau kann ich den Augenblick nicht datieren, zündete es dann bei mir. Als ich dem Album einen erneuten Durchlauf gewährte, stoppte ich kurz beim Lied “Kinderkreuzzug”. Jene Vertonung von Brechts Gedicht hatte es mir besonders angetan. Das war der Anstoß zu einer neuen Sicht auf das Album, welches mich jedes Mal um eine neue Überraschung bereichert.
Musikalisch haben Janus dieses Mal die Stromgitarren und sämtliches anderes Equipment zuhause gelassen und “Nachtmahr” komplett mit einem Orchester aufgenommen. Diese einzigartige Atmosphäre führt zu einer noch stärkeren Wirkung von Dirk Riegerts Gesang und lässt einem jede Sekunde einen Schauer über den Rücken laufen. Ruhigste Streicher, kaum zu hören, wechseln sich mit bombastischen Arrangements ab. Es geht in Höhen und Tiefen, es werden Noten gespielt, die sich im Gesamtwerk in die Abgründe der menschlichen Seele spielen. In “Grabenkrieg” wird Dirk Riegert von einer Frau unterstützt, was Janus ruhig häufiger machen könnten, es klingt nämlich verdammt gut!
Songbeschreibungen ergeben in diesem Review keinen Sinn, da jeder Song für sich etwas besonderes ist. Viele Lieder behandeln die Kriegsthematik auf so eine ergreifende Art und Weise, dass man mit den Protagonisten geradezu mitfühlt. Man sieht sie geradezu vor dem inneren Auge. In “Sag doch was” spürt man das verzweifelte Flehen gegenüber dem Menschen, der sich vor einem verschließt, als sei es ein naher Angehöriger. Die Instrumentierung passt, alles scheint bis in die letzte Note ausgefeilt zu sein. Alles sitzt an seinem Platz. Das, liebe Leser, ist keine Musik mehr, es ist ein Soundtrack zu einem Film im Kopfkino.
Wer dieses Album genau kennenlernen will, wer wissen will, welcher Song wie klingt, der möge sich doch bitte das Album zulegen. Ich habe mit diesem Review nicht versucht, in irgendeiner Weise zu beschreiben, wo denn Streicher Nr. 6 gerade ein D-Dur spielt, sondern lediglich ein wenig das Ergreifende deutlich zu machen. Es war bei “Auferstehung” schwer, dem Leser ein Bild von der Musik zu zeichnen, bei “Nachtmahr” ist es ebenso unmöglich. Ich könnte hier Text zitieren, mich dort über den Basston freuen, es würde in Textform nichts bringen. Ich habe bei “Auferstehung” eine Warnung ausgesprochen, dass man dieses Album nur vorsichtig dosiert ertragen sollte. Diese Warnung ist bei “Nachtmahr” bitte noch ernster zu nehmen, dieses Album kann depressiv machen! Dennoch ist es ein absolutes Meisterwerk, wenn man stark genug ist, es am Stück hören zu können.