Der Literaturthread - Gelesenes, zu Lesendes, Lesende

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Beitrag » 20. Mai 2020 10:20 #1351

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Maddox
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Re: Der Literaturthread - Gelesenes, zu Lesendes, Lesende

Beitrag von Maddox »

SierraLeon hat geschrieben: 20. Mai 2020 09:18
Maddox hat geschrieben: 19. Mai 2020 19:26 @SierraLeon Noch einmal eine Frage zu Quichotte :D Mein Buch nähert sich dem Ende und hab' gerade mal in Quichotte reingelesen. Da du ja schon etwas weiter bist, wie sieht es denn im Verlauf plotmäßig aus? Ich finde die ersten paar Seiten sehr ansprechend, aber ich befürchte ich ein wenig, dass sich das Feuerwerk an Referenzen und Absurditätenauf Dauer ein wenig abnutzen könnte und vor allem dass es mir gerade ein wenig zu anstrengend sein könnte gerade, wenn nur verrücktes passiert :D Wie ist das denn, gibt's trotzdem einen roten Faden, den man gern folgt und kommt sogar so etwas wie "Spannung" auf?
Ich bin tatsächlich auch noch nicht unglaublich weit, aber die Referenzen werden deutlich zurückgefahren und ziemlich schnell wird die eigene Geschichte erzählt, die natürlich - wie es bei Rushdie eigentlich immer der Fall ist - eine absurde Version unserer Realität darstellt. Die Geschichte selbst wird dabei - ebenfalls Rushdie-typisch - weit ausgebreitet, heißt jeder Charakter der eine Rolle spielt wird von vorn bis hinten beleuchtet. Bisher wirkt die Geschichte aber entschieden zusammenhängender als es bei Scham und Schande z.B. der Fall war. Von daher würde ich sagen: Es gibt schon einen roten Faden (bei Rushdie eigentlich immer, auch wenn er einem vielleicht erst gegen Ende bewusst wird), es bleibt aber durchaus absurd.
Danke für die Ausführung! :) Ich habe gestern Abend noch weitergelesen und es viel tatsächlich schwer, das Buch wegzulegen. Der Plot wird ja dann doch relativ schnell aufgegriffen und ich will unbedingt wissen, wie es mit Quichotte's Unternehmung weitergeht. Ich habe es dann direkt von der Leseprobe zum vollständigen e-Book geupgradet und markiere mir gern, an welcher Stelle des Buchs ich die Entscheidung zum Kauf getroffen habe: "And his little quip at the Indian Medical Center – ‘I’m actually Indian too! Dot, not feather! So I’m happy to be here in Indian country’ – hadn’t gone down well at all." Ich stelle mir das die ganze Zeit so bisschen wie einen indischstämmigen Forrest Gump vor :ugly:
Die Reviews zum Buch sind ja etwas gespalten so wie ich das sehe, viele sagen der beste Rushdie seit langem, einige aber auch, dass es quasi mehr vom selben ist und man - ähnlich wie bei Murakami - mittlerweile Bingo spielen kann (gut, beide Aussagen schließen sich jetzt auch nicht unbedingt aus). Aber ich hab ja den großen Vorteil, dass es mein erstes Buch von ihm ist und ich freue mich drauf, weiter zu lesen :)
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Beitrag » 20. Mai 2020 22:07 #1352

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abraxa
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Re: Der Literaturthread - Gelesenes, zu Lesendes, Lesende

Beitrag von abraxa »

Habe heute Wasteland von Judith C. Vogt und Christian Vogt. Eine Dystopie in der nahen Zukunft. Und obwohl ich eigentlich gerade kaum lese, habe ich dieses Buch verschlungen und binnen einer Woche durchgelesen.
Radfahr Sport-Challenge :)

2013: 716 km mit dem Rad
2014: 281 km mit dem Rad
2015: 257km mit dem Rad und 114 km walken
2016: 136 km mit dem Rad und 242 km per Pedes (nur Sport, keine Spaziergänge)
2017: 231,6 km mit dem Rad und 138,9 km walken und laufen
2018: 71 km mit dem Rad und 117 km laufen
2019: 251/250 km laufen
2020: 137/275 km laufen

Beitrag » 20. Mai 2020 22:23 #1353

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Punkfloyd
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Re: Der Literaturthread - Gelesenes, zu Lesendes, Lesende

Beitrag von Punkfloyd »

Rumo - Walter Moers

Immer noch absolut empfehlenswert! :)

Beitrag » 24. Mai 2020 15:09 #1354

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Maddox
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Re: Der Literaturthread - Gelesenes, zu Lesendes, Lesende

Beitrag von Maddox »

Punkfloyd hat geschrieben: 20. Mai 2020 22:23 Rumo - Walter Moers

Immer noch absolut empfehlenswert! :)
Hatte mir auch schon immer mal vorgenommen, den Blaubären, Rumo und die Stadt der träumenden Bücher noch mal zu lesen, würde mich interessieren, ob mich die Bücher noch so reinziehen würden, wie 'damals' :D Labyrinth der träumenden Bücher hatte das leider nicht geschafft seinerzeit. Aber auf die drei o.g. hätte ich schon mal wieder Lust, hätte aber schon Probleme mich zu entscheiden, womit zuerst anzufangen, die waren ja doch auch recht unterschiedlich mit ihren eigenen Stilen :)

Fertig:
Easy Riders, Raging Bulls
by Peter Biskind
In dem Non-Fiction-Buch, das auf zahlreichen Interviews fußt, versucht Peter Biskind die Geschichte des New Hollywoods (Ender der 60er bis 1980) nachzuerzählen und dabei zu unterstreichen, warum es für nicht wenige als eine goldene Ära des Autoren-Kinos gilt und warum es sich so sehr von dem Hollywood vor und nach dieser Zeit unterscheidet. Es finden sich darin tatsächlich auch eine Menge spannender Geschichten zu Klassikern wie The Godfather, jaws und Star Wars, die einen interessanten Einblick in die (teilweise katastrophale) Produktion der Filme geben und aufzeigen, wie sich die Filmlandschaft in dieser Zeit veränderte. Ich würde daher auch sagen, dass Biskind sein Grundargument auch überzeugend vertritt. Allerdings verliert sich das Buch m.E. an einigen Stellen etwas zu stark in dirty Gossip und Anekdoten, die nicht immer relevant erscheinen. Damit hat es vor allem am Anfang zu kämpfen, wenn er versucht die Hollywood-Landschaft Ende der 60er zu zeichnen. Das ist durchaus interessant, aber nach einer gewissen Zeit etwas repetitiv und vermisst Stringenz - aber auch da schon gibt es immer wieder überzeugende Passagen bspw. über die Entstehung von Bonnie & Clyde und v.a. von Easy Rider. In den 70ern, wenn Biskind dann konsequenter die Produktions-Geschichte einzelner Filme erzählt, hat es mich deutlich mehr gefesselt. Davon hätte ich gern auch mehr gelesen,als von der 20. Affäre dieses oder jenen Darstellers, welche für die weitere Geschichte dann häufig keinerlei Relevanz hatten.
Insgesamt kann ich das Buch aber empfehlen, wenn man an den Filmen dieser Zeit oder auch Hollywood im Allgemeinen interessiert ist. Da es vor allem zu Beginn sehr anekdotisch daher kommt, bin ich ab ca. der Hälfte auf das von Dick Hill hervorragende gesprochene (englische) Hörbuch umgestiegen, das hat das Ganze auch noch einmal aufgewertet :)
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Beitrag » 27. Mai 2020 11:39 #1355

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Maddox
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Re: Der Literaturthread - Gelesenes, zu Lesendes, Lesende

Beitrag von Maddox »

Fertig:
Quichotte
by Salman Rushdie
Meine erste Rushdie-Lektüre und ich war sehr angetan. Durch Murakami, Vonnegut und v.a. Gabriel García Márquez zählt der magische Realismus zu meinen Lieblingsgenres und Rushdie tobt sich auf diesem Spielplatz des 'anything can happen' vollends aus. Dabei ist dieses Motto in seiner Neuinterpretation von Cervantes' Literaturmeilenstein nicht nur ein Charakteristikum des literarischen Genres, sondern ein grundlegender Baustein des Plots - ein Mantra, was auch immer wieder wiederholt wird: Denn es geht tatsächlich um die Hoffnung des modernen Quichotte die Liebe einer unerreichbare (?) Frau zu gewinnen und auf dem Weg dahin ritterliche und aus der Zeit gefallene Ideale zu vertreten. Da sich der indischstämmige Protagonist in der Trump-Ära dem keifenden, weißen Amerika entgegensieht, wird die Reise zu einer scharfen Gesellschaftsanalyse und Quichotte's berühmte Windmühlen drehen sich auch im 21. Jahrhundert langsam, vergeblich und frustrierend weiter.
Rushdie benutzt dabei, verstärkt durch die magischen Einflüsse, alle Kniffe des Perspektivwechsels und versteht es sehr gut, durch unerwartete Ereignisse und Geschichten den Plot jederzeit spannend zu halten. Dadurch, dass die meisten Charaktere im Buch eine eigene Stimme bekommen und die vierte Wand sehr regelmäßig durchbrochen wird, wird auch ein sehr eindrucksvoller emotionaler Spannungsbogen aufgebaut und man leidet mit allen Charakteren mit. In einen Moment befindet man sich noch im Referenz-Feuerwerk, sodass man denkt man befindet sich in einem Meme-Feed bei Reddit, im nächsten Moment kommen durch klassischere Plot-Elemente sehr nachdrückliche Höhepunkte auf, bei denen ich mehr als einmal ein 'wtf' auf den Lippen hatte.
Diese Wechsel und vor allem die Exkurse, die durch das Gleiten von einer Referenz in die nächste entstehen, bergen auch immer die Gefahr, dass die Story etwas entgleitet. Diese Momente gab es auch, sodass es mir an der einen oder anderen Stelle vorkam, als hätte er sich ein wenig übernommen. Das hinterließ dann etwas den Eindruck der 'reference for the reference's sake' und im Vergleich zu den vielen starken und cleveren Passagen, wurde mir da etwas zu gewollt der Holzhammer ausgepackt. Gerade weil er an einigen Stellen dies und das noch unbedingt einmal erklären musste, statt es für sich und den Leser stehen zu lassen. Aber gerade nach dem Ende verblassen diese wenigen schwächeren Momente schnell wieder und es bleibt der Gesamteindruck eines sehr besonderen Buches, das nicht nur die Zeitlosigkeit Cervantes' hervorragend in die Gegenwart arrangiert, sondern dabei auch noch eine mitreißende Geschichte erzählt.


Als nächstes: Bin unschlüssig :confused:
Auf der engeren Liste habe ich gerade Karen Russel - Swamplandia, T.C. Boyle - Watermusic, Raymond Chandler - The Long Goodbye und Cory Doctory - Little Brother. Am meisten Lust hätte ich jetzt spontan auf Little Brother, aber ich weiß nicht, ob mir das dann ein wenig zu Young Adult mäßig ist. Vielleicht schau ich noch einmal in die lange Liste der NYT Summer Readings :confused:
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Beitrag » 1. Jun 2020 21:36 #1356

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Maddox
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Re: Der Literaturthread - Gelesenes, zu Lesendes, Lesende

Beitrag von Maddox »

The Nickel Boys
by Colson Whitehead
Für Colson Whitehead läuft's. Nachdem er 2017 bereits mit dem hervorragenden "Underground Railroad" den Pulitzer Prize for Fiction gewonnen hatte, hat er den Preis für seinen nächsten Roman in diesem Jahr einfach direkt wieder verliehen bekommen. Und das völlig zurecht! Um die Jury zu zitieren, ist The Nickel Boys "a spare and devastating exploration of abuse at a reform school in Jim Crow-era Florida that is ultimately a powerful tale of human perseverance, dignity and redemption." Es ist erstaunlich, was Whitehead auf diese nur etwas mehr als 200 Seiten zaubert, die Story ist kompakt, aber nicht simpel, die Charaktere vortrefflich inszeniert und alle Szenen haben eine ganz besondere, dichte Atmosphäre. Und wie schon in Underground Railroad wird das alles noch durch seine erstklassige Prosa getragen - er weiß genau, wann es auszuschmücken gilt und wann man Sätze für den Leser auch mal stehen lassen sollte, weil die Szene für sich spricht. Und davon gibt es in The Nickel Boys so einige, er geizt nicht mit Wendungen oder ausdrucksstarken Situationen, die hängen bleiben. Auch wenn der Vergleich nicht einfach fällt, weil beide Büche bemerkenswerterweise auch recht unterschiedlich sind, hat mich "The Nickel Boys" sogar noch mehr überzeugt als The Underground Railroad und schon der Roman hat mich stark beeindruckt. Natürlich treffen beide Bücher trotz des unterschiedlichen zeitlichen Settings mit dem Fokus auf dem rassistischen Amerika der Zeit der Sklaverei (Underground Railroad) und Jim Crow (Nickel Boys) einen gemeinsamen Ton. Aber sie brillieren beide dadurch, dass sie nicht nur das richtige, zeitlose Thema finden, sondern auch literarisch vortrefflich umgesetzt sind. Im Jahr 2020 kann man wohl sagen, dass Whitehead sich mit beiden Büchern als einer der wichtigsten Romanciers der 2010er Dekade etabliert hat. Ich freue mich sehr auf seinen nächsten Roman, an dem er bereits schreibt!

Als nächstes angefangen: Sammy Davis Jr. - Yes I can
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Beitrag » 6. Jun 2020 20:11 #1357

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Rumple
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Re: Der Literaturthread - Gelesenes, zu Lesendes, Lesende

Beitrag von Rumple »

Gibt'S eigentlich ne gute App um Bücher zu katalogisieren. Ich will was mit dem ich einen Überblick über meine Bücher behalten kann. das mit Excel zu machen ist recht fummelig.
"Versuchen ist der erste Schritt zum Versagen!" H.S.

Beitrag » 6. Jun 2020 22:27 #1358

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Maddox
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Re: Der Literaturthread - Gelesenes, zu Lesendes, Lesende

Beitrag von Maddox »

Rumple hat geschrieben: 6. Jun 2020 20:11 Gibt'S eigentlich ne gute App um Bücher zu katalogisieren. Ich will was mit dem ich einen Überblick über meine Bücher behalten kann. das mit Excel zu machen ist recht fummelig.
Welches OS?
Ich würde wahrscheinlich die hier verwenden: https://simonemontalto.com/projects/book-track
Ich lese mittlerweile überwiegend eBooks und die manage ich bei Calibre. Aber könnte eigentlich auch mal die analoge Sammlung katalogisieren :confused:
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Beitrag » 7. Jun 2020 00:10 #1359

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Rumple
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Re: Der Literaturthread - Gelesenes, zu Lesendes, Lesende

Beitrag von Rumple »

Android. Für PC gibt's ja wahrscheinlich eher nichts, was sich ggf. Auch mit Android synchronisieren lässt.
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Beitrag » 10. Jun 2020 11:28 #1360

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Maddox
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Re: Der Literaturthread - Gelesenes, zu Lesendes, Lesende

Beitrag von Maddox »

Rumple hat geschrieben: 7. Jun 2020 00:10 Android. Für PC gibt's ja wahrscheinlich eher nichts, was sich ggf. Auch mit Android synchronisieren lässt.
Also mit Calibre kann man auch analoge Bücher verwalten. Und man kann mit einer zusätzlichen App auch Barcodes scannen. Aber es ist wahrscheinlich einfacher direkt eine der Apps zu verwenden und darin zu katalogisieren.
Mit etwas Muße probiere ich den Calibre-Weg mal aus am Wochenende :D Finde es auch einen Vorteil, wenn man die Bibliothek aufm PC hat statt auf'm Smartphone.


Am Wochenende fertig:
Yes I can
by Sammy Davies Jr. (and Jane & Burt Boyar)
Ich habe ja einen soft spot für Autobiographien und die erste seiner drei hat es in sich. Zunächst muss man feststellen, dass es ein ziemlich umfangreiches Buch von 700 Seiten ist, dafür dass es 'nur' die ersten ca. 40 Jahre seines Lebens abdeckt - aber es passiert halt auch unglaublich viel. Davis Jr. wurde 1925 in Harlem geboren, stand mit 3 Jahren zum ersten Mal auf der Bühne und war zu seiner Hochzeit der vermutlich populärste Entertainer der USA - und das als Afroamerikaner in der höchst segregierten und rassistischen Gesellschaft Mitte des 20. Jahrhunderts. Dementsprechend liest sich die Biographie auf der einen Seite auf sehr übliche weise spannend, indem man einem talentierten Kind aus armen Verhältnissen auf dem Weg zu Reichtum und Berühmtheit folgt. Auf der anderen Seite erlebt man auch aus erster Hand, welche gesellschaftliche Schranken er dabei überwinden musste, wie ihm alltäglich so viel Hass entgegenschlägt und wie unwahrscheinlich es eigentlich war, dass er es auf diese Bühne geschafft hat. Eines der prominenten, bigotten Beispiele ist, dass schwarze Acts viele der Lokale, in denen sie auftraten, nicht einmal selbst durch den Haupteingang betreten durften. Daraus resultieren Identitätskonflikte, die Sammy Davis Jr. über das ganze Buch hinweg begleiten: Mit der weißen Gesellschaft anbiedern, damit Zugang zu vorher nicht für möglich gehaltenen Milieus gewinnen und dadurch auch langfristig Barrieren abbauen? Oder strikt ablehnen und damit Zeichen setzen, dass man niemals Teil des Ganzen ist? Aus diesem Konflikt heraus war Sammy auch in der afroamerikanischen Community umstritten, was im Buch als 'Uncle Tom'-Diskurs auch regelmäßig aufgegriffen wird.
Das klingt jetzt alles ein wenig schwermütig. Das Buch schafft es meines Erachtens aber sehr gut, das entsprechend zu balancieren und neben dem Problembewusstsein und der emotionalen Aufarbeitung auch auf ansprechende Weise durch die Jahre hindurch zu führen. Das liegt vor allem am sehr präsenten Humor, der eine zum Teil schon beeindruckende Leichtigkeit versprüht und, so erscheint es, auch einen wesentlichen Charakterzug Sammy Davis Jr.'s widerspiegelt. Sein berühmtester Gag (allerdings aus der darauffolgenden Biographie) um das zu verdeutlichen: "One day on a golf course with Jack Benny, he was asked what his handicap was. "Handicap?" he asked. "Talk about handicap. I'm a one-eyed Negro who's Jewish.""
Sicherlich ist ebenso hilfreich, dass er das Ding nicht alleine geschrieben hat, insgesamt ist es auch eine eher literarisch aufgearbeitete Autobiographie. Es gibt bspw. viele Dialoge, was dafür immer ein Indikator ist, denn wer erinnert sich schon exakt an geführte Konversationen von vor 30 Jahren? :ugly: Manchmal waren die Sprünge von einer Szene zur nächsten etwas überraschend bzw. nicht ganz nachzuvollziehen, aber ansonsten liest es sich wirklich sehr gut und die Länge merkt man dem Buch auch nur sehr, sehr selten an. Alles in allem definitiv zu empfehlen! Das Buch hat nicht nur alles, was eine sehr gute Biographie ausmacht, sondern gibt dabei auch einen sehr offenen und oft erschreckenden Einblick in die segregierte amerikanische Gesellschaft Mitte des 20. Jahrhunderts.

als nächstes angefangen: Ibram X. Kendi - Stamped from the Beginning: The Definitive History of Racist Ideas in America
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Beitrag » 24. Jul 2020 00:24 #1361

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SierraLeon
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Re: Der Literaturthread - Gelesenes, zu Lesendes, Lesende

Beitrag von SierraLeon »

Quichotte
von Salman Rushdie

Nachdem die Doktorarbeit abgegeben ist (was bin ich froh), halte ich jetzt mein Versprechen ein und habe das oben genannte Buch endlich durchgelesen und ich muss sagen: Es ist ein großartiges Buch und ein sehr guter Rushdie.

In Rushides Quichotte werden zwei Geschichten erzählt: Die von Quichotte, einem indischstämmigen, alternden Amerikaner, der auf der Suche nach der wahren, unerreichbaren Liebe ist und dabei der tiefen Überzeugung ist, er müsse gewisse Aufgaben erledigen um sich zu beweisen. Die andere ist die des Autors, der die Geschichte Quichottes erzählt, einem indischstämmigen, alternden Amerikaners, der nicht so recht weiß wonach er eigentlich sucht. Quichottes Geschichte ist eine Geschichte voller Wunder und unvorhersehbarer Ereignisse, während die des Autors eine eher bodenständige Geschichte ist, doch auch diese weiß zu überraschen. Zusammen finden sich viele Themen, die aktuell in den USA diskutiert werden: Rassismus nimmt sehr viel Platz in dieser Geschichte ein, ebenso wie die Opioid-Krise, aber auch Themen wie die Unberechenbarkeit politischer Diskurse in Zeiten des Internets dank gewaltiger Shitstorms und auch die Politisierung eigentlich der privatesten Dinge (zu diesen Dingen hat sich Rushdie vor kurzem erst an einem offenen Brief zusammen mit über 100 anderen Kunstschaffenden ausgelassen, ein Brief der durchaus lesenswert ist: https://www.zeit.de/2020/29/cancel-cult ... echtigkeit ). Daneben werden kleinere, persönlichere Themen aufgegriffen: Vater-Sohn-Beziehungen, Krebs, Tod und der Umgang mit diesem.

Da ich unterdessen den größten Teil von Rushdies Werken gelesen habe, finde ich auch eine Einordnung dieses neuen Buchs in sein Gesamtwerk interessant, denn insgesamt hat Rushdie in den letzten Jahren schriftstellerisch eine gewaltige Entwicklung durch gemacht. Dieses Buch ist meinem Empfinden nach eine logische Fortsetzung auf sein Buch Golden House. Die beiden Bücher haben von der Geschichte her nichts miteinander zu tun, doch Rushdie konzentriert sich in beiden auf relativ ähnliche Charaktere, die entschieden diverser sind als es in seinen früheren Büchern der Fall war. Für mich ist das eine äußerst interessante Entwicklung, denn die Charaktere sind stets Rushdies größte Stärke. Auch die Themen, die er in seinen Büchern behandelt haben sich gewandelt, auch wenn hier und da alte Thematiken (z.B. aus Mitternachtskinder, Die Satanischen Verse oder Shalimar der Narr) durchfunkeln.

Alles in allem ist Quichotte meiner Meinung nach ein großartiges Buch, das mir wieder sehr gut gefallen hat, gleich doppelt im Vergleich zu der Neuauflage von Scham und Schande, das ich tatsächlich frustriert weggelegt habe. Quichotte ist klug geschrieben, witzig und voller messerscharfer Beobachtungen und teils brutaler Gesellschaftskritik.


Als nächstes wird nun auf Maddox' Empfehlung hin Oryx und Crake von Margaret Atwood. Ich freu mich :)

Beitrag » 20. Sep 2020 12:57 #1362

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Crizzo
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Re: Der Literaturthread - Gelesenes, zu Lesendes, Lesende

Beitrag von Crizzo »

Permanent Record von Edward Snowden (in deutscher Übersetzung)

Edward Snowden sollte man seit 2013 eigentlich kennen und in dem Buch beschreibt er sein Leben bis zu dieser Zeit von kleinauf inkl. Kindheit und Schule über seine berufliche Laufbahn bis dann nach Hongkong und später Moskau.

Ganz amüsant geschrieben, allerdings gerade die erste Hälfte des Buches konnte mich nicht so packen und fand ich doch ziemlich langweilig, musste mich dann doch öfter wieder überreden es weiterzulesen.

Er erklärt in seinem Buch seine Motive dafür, dass er zum Whistleblower wurde und fängt dann damit an, was er für ein Kind und Jugendlicher war. Wie er in einer Welt von Staatangestellten groß wurde und dann selbst über verschiedene, teilweise brutal langweilige, Jobs bis nach Hawaii kam und für die verschiedenen Agencies arbeitete.

Man erfährt was er und teilweise auch wie er gearbeitet hat. Wie in ihm langsam der Zweifel wuchs an seiner Tätigkeit und wie er das rechtfertigen soll, geht dabei auf historische Whistleblower ein, auf verschiedene Gesetzestexte und später auch wie er sich seinen Leak vorgestellt hat und dann durchführt. Er lässt allerdings verschiedene Details der Datenextraktion weg, zum Schutz der NSA o.ä. und bleibt im technischen stets so, dass auch Leute ohne technischen Hintergrund es verstehen können. Am Ende lässt er nochmal seine Freundin (jetzige Frau) zu Wort kommen, indem ihre Tagebucheinträge aus dieser Zeit veröffentlicht wurden.

Alles in Allem eine sehr mutige Entscheidung von ihm, die vor allem auch seine direkten Mitmenschen (Freundin, Eltern) stark belastet hat.

Ich kann das Buch bedingt empfehlen, je nach Interessenslage muss man sich nämlich durch die ersten ca. 200 Seiten durchbeißen. Ich lese sonst so Biographien o.ä. gar nicht, deshalb weiß ich nicht, ob das für Leute die daran Gefallen finden geeignet ist. :)
Das Leben ist wie ein Fahrrad. Man muß sich vorwärts bewegen, um das Gleichgewicht nicht zu verlieren.
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